Als Kinder haben wir eine Menge Zeit bei unserer Oma verbracht. So ist es kein Zufall, dass ich nun zum zweiten Mal einen Beitrag in Verbindung mit unserer Grande Dame der guten Küche schreibe…

Gerade was die Sommertage von damals betrifft, habe ich noch heute ein ganz deutliches Bild vor mir: grüne Wiese, Tisch mit weißer Decke und bunten Punkten, Sessel mit Gummischnurgeflecht in pastelligem Grün, Blau und Rosa (wie gern ließen wir unsere Finger darüber rattern), Blätterrascheln, Vogelgezwitscher, zwischendurch unterbrochen von Rasenmäherrackern aus Nachbar`s Garten. Alle laufen zusammen, nehmen Platz und… tada… Oma bringt ihn frisch aus der Küche: den Roten Ribiselkuchen.
Das ganze Jahr über haben wir auf ihn gewartet. Schließlich gab es ihn nur einmal im Sommer zur Ribiselsaison.
Und so geht bekanntlich Liebe durch den Magen, und auch Erinnerung.
Süß und sauer, wolkig-weich – zugleich mit ordentlichem Boden, an den Ecken vielleicht auch resch, vor allem aber sehr charismatisch – Assoziationen, die man nie vergisst. Und ja, sie passen zum Ribiselkuchen genauso wie zu unserer Oma selbst. Schon lustig irgendwie ;D

Nachdem Oma uns vor Jahren verlassen hat, habe ich lange nach dem Rezept gesucht, in der Familie herumgefragt, aber es wollte einfach im Verborgenen bleiben. Vielleicht sollte diese Erinnerung eben genau eine solche bleiben. Nach manch sommerlichem Rezeptsuchanfall der letzten Jahre nahm ich das so hin. Herumexperimentieren und ein Rezept finden, das dem von Oma`s Kuchen nahekommen würde, wollte ich nicht. Denn jede Annäherung wäre eben nicht mehr als eine solche geblieben und ich wollte ja das Original.

Das Glück liegt bei dir…

Wie viele derart daher trabende Lebensweisheiten würden hier als Zwischenüberschrift passen? Eine Menge…
Jaja, das Glück liegt oft so nah und unverhofft kommt oft…
Jedenfalls hatte ich auch heuer wieder so einen Rezeptsuchanfall. Ziemlich intensiv sogar nachdem wir bei Papa`s Geburtstag seit langem wieder Fotos vergangener Tage herausgekramt hatten. Auch von Oma. Ich hätte sie mir zu uns gewünscht…

Tags darauf sehe ich Ribisel im Geschäft und kaufe sie. Trotzdem. Auch ohne Rezept. Eingebung? Sagen wir halt so. Zuhause passiert dann was passieren muss. Ich nehme meinen kleinen schwarzen Rezeptordner, aus dem Kochbuchregal. Ich hatte ihn mit etwa 19 angelegt und dann ganz vergessen…

Tja, und da ist es: Das Rezept, handschriftlich von Oma für mich festgehalten auf einem Stehkalenderblatt (Jahrgang 1999)…

Rezept Roter Ribiselkuchen

Kann sich jemand vorstellen, was mir durch den Kopf ging? Gar nicht so viel, ehrlichgesagt. Es war mehr das Gefühl von damals. Plötzlich wieder da. Unbeschwerte Kindertage…

Aus dem damals ins heute…

Ich bin wohl keine Sentimentalhistorikerin der eigenen Geschichte. Aber Erinnerungen und altes Wissen zu bewahren, die auch im Heute nützlich sind, liegt mir nah.
Eben das tut dieser Rote Ribiselkuchen. Er steht für mich für Sommer, für Unbeschwertheit und das Bewusstsein, den Moment zu genießen. Immerhin gibt es Ribisel nur einmal im Jahr… Eben dieses Bewusstsein, das Hier und Jetzt voll auszukosten, erscheint mir dieser Tage von besonderem Wert…
However,

Ran an die Ribisel ODER
Geschmäcker ändern sich doch…

Nun tat ich also, was ich tun musste: das Rezept ausprobieren. Was dabei herauskam? Ein denkbar einfacher Kuchen auf Mürbteigbasis, der genauso ausssah und roch, wie ich ihn in Erinnerung hatte – herrlich!

Roter Ribiselkuchen

Ribisel-/Johannisbeerkuchen

Geschmacklich, nun ja, durfte ich dabei eine interessante Feststellung machen:
Meine sensorische Wahrnehmung hat sich inzwischen wohl doch etwas geändert , denn der Kuchen erreichte quasi die Obergrenze meiner Süßempfindungstoleranz. Da sieht man wieder, dass Geschmäcker sich schon mal verändern können, vor allem aber, wie sehr sich der Geschmack an das Angebot anpassen kann…

Ich habe den Roten Ribiselkuchen deshalb noch einmal gebacken. Diesmal leicht angepasst an mein heutiges Geschmacksempfinden – mit weniger Zucker.
Nun bin ich zufrieden. Zufrieden wie damals, nur eben im Heute 😉

Für alle, die neugierig geworden sind, das Rezept von Oma`s Rotem Ribiselkuchen leicht angepasst ins Hier und Jetzt:

Zutaten:

Mürbeig:
20 dag Butter
30 dag helles Weizenmehl
10 dag Zucker
2 Dotter

Belag:
2-3 EL Ribiselgelee, ev. etwas warmes Wasser
ca 20-25 dag Ribisel
4 Eiklar
2 EL Zucker (im Originalrezept 20 dag)

Zubereitung:

Auf einer bemehlten Arbeitsfläche einen Mürbteig zubereiten. Backrohr auf 170 Grad Heißluft vorheizen. Den Teig auf einem Backpapier ausrollen, auf ein Backblech legen und  ca 15 min ganz hell backen (170 Grad Heißluft).
Den Teig auskühlen lassen. 2-3 EL Ribiselgelee erhitzen, ev. Mit etwas warmen Wasser verflüssigen, und den Teig damit dünn bestreichen.
Ribisel waschen, abtropfen und den Kuchen gleichmäßig damit belegen.
Eiklar mit Zucker mischen und zu Schnee schlagen.
Den Schnee mit einer Teigspachtel über den Kuchen ziehen.
Den Kuchen bei 170 Grad Heißluft fertigbacken, bis die Schneehaube goldig-braun gesäumt ist.

Den Kuchen in kleine Stücke schneiden und an einem lauschigen Platzerl bei Sonnenschein genießen…

Hm, und was glaubt ihr, welch Strauch kommt als nächstes in den Garten? 😉

EAT! LOVE! LIFE!

 

 

 

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